Ad Lidicer Feuerwehrspritze


Die Sammlung der Gedenkstätte Lidice und eigentlich deren ganzes Museum sind gewissermaßen merkwürdig. Das Museum soll die Geschichte der Gemeinde dokumentieren, die Geschichte wurde jedoch gewalttätig unterbrochen und die Gemeinde ging für gewisse Zeit unter. Das wäre selbst an sich nicht so merkwürdig, es gibt mehrere untergegangene Gemeinde bei uns. Aber Lidice wie bekannt wurde völlig vernichtet. Selbst aus der Natur dieser brutalen Tat ergab sich also, dass aus der Gemeindegeschichte bis 1942 NICHTS erhalten bleiben sollte. Mit Rücksicht auf die sprichwörtliche Nazigründlichkeit ist das eigentlich gelungen. Darüber, wie das Lidicer Museum und die Schöpfer seiner Exposition die Situation gemeistert hatten, habe ich bereits im Informationsblatt im Zusammenhang mit virtueller Präsentation geschrieben. Es blieben eigentlich nur Schriftstücke, Fotographien und Filme erhalten, die in der Zeit der Tragödie in der Gemeinde nicht waren, und die Filme, die selbst die Nazis drehten; aus Aufschüttungen gelang es später, ein paar kleine Gegenstände zu retten. Das Museum ergänzt diese Sammlungsgrundlage durch Dokumente und Belege der Nachkriegswiederherstellung von Lidice, durch Geschenke in Form von Werken der bildenden Kunst (die sog. Lidicer Sammlung) usw. Durch Zusammentreffen von Umständen, wörtlich durch Wunder, entgingen doch z w e i bedeutende Gegenstände, die die Gemeindegeschichte vor der Tragödie dokumentieren, der Vernichtung – die Feuerwehrspritze, die die Lidicer in die Nachbargemeinde verliehen haben, im Juni 1942 war sie also in Lidice nicht, und die Tür der Lidicer Kirche, heute auch in der Museumsexposition ausgestellt, deren Geschichte die Berufenen sicher auch noch beschreiben werden. Beide diese Gegenstände sind auf den Vorkriegsaufnahmen aus Lidice festgehalten, so dass ihre Authentizität zweifellos ist; sie wurden weder vernichtet noch so beschädigt, dass man sie völlig rekonstruieren müsste.

Und nun der versprochene Exkurs in die Museumskunde. Die beschriebene, völlig einzigartige Situation bietet die Gelegenheit, die "Kraft" der Museumsexponate zu begreifen. Wären jene zwei authentischen Gegenstände nicht erhalten geblieben, wurde die hundertjährige Geschichte der Gemeinde Lidice bloß virtuell, dokumentiert, es würde nichts "Greifbares " oder "Tastbares" geben, einige kleinere Funde von schwer beschädigten Gegenständen des Tagesbedarfs haben eher Charakter anonymer archäologischer Funde, ihr Verhältnis zu Lidice ist zwar unbestritten, jedoch aus Sicht des Besuchers doch nur weniger transparent. Im Gegenteil, die Existenz von wenigstens zwei materiellen Belegen mit hoher Aussagefähigkeit " wirft das Licht der Authentizität" auch auf alle Schriftstücke und Bilder, als ob diese damit irgendwie "fest verankert" würden. In der Exposition haben diese zwei Exponate eine deutlich hoch fesselnde und anziehende Kraft; vor der Kirchentür bleibt vielleicht jeder stehen und die Feuerwehrspritze lässt sich kaum jemand entgehen, und dies noch aus dem Grund, dass sie außerhalb der hauptsächlichen Besichtigungsrunde platziert ist. Durch diese Gegenstände erscheint die Geschichte von Lidice irgendwie "musealisiert", obwohl es sich bloß um zwei Exponate handelt. Und so kann man an diesem besonderen, im Grunde genommen kuriösen Fall die Bedeutung authentischer Belegexemplare für die Sammlung, die sonst ohne diese Gegenstände zurechtkommen müssten, nachweisen.

Ich denke, bei dem Besuch des Lidicer Museums ist es wirklich nicht schwer zu begreifen, dass es ohne die Feuerwehrspritze und die Kirchentür nicht das Echte wäre, das Expositionserlebnis wäre einfach anders, weniger wirksam. Das durch die Umstände erzwungene Modell der Lidicer Museumsexposition sagt auch, dass es in bestimmten Fällen nicht nötig ist, in den Museums- expositionen übermäßige Menge von authentischen Exponaten nur deshalb auszustellen, weil sie zur Verfügung stehen. Zwei einzigartige Exponate, die mit fesselnden Ereignissen verbunden sind und die die Funktion von Symbolen erfüllen, vermögen das gleiche wenn nicht ein stärkeres Erlebnis hervorzurufen wie Dutzende Exponate, die mehr oder weniger bloß für sich sprechen oder die bereits durch " offenes Depositar" belegt sind. Dies ist auch vom Standpunkt der Museumsselektion und der Sammlungsbildung interessant; es mag sein, dass die "Musealisierung von Lidice" ein geeignetes Thema für eine Studentenarbeit der Absolventen der Museumskunde werden könnte.

Jiří Žalman


  • Öffnungszeit und Eintrittsgeld (hier)
webplan einleitung zurück